Die Verbraucherzentrale Berlin bleibt am 07.12.2020 geschlossen.

Insekten essen: Eine Alternative zu herkömmlichem Fleisch?

Stand:

Essbare Insekten sind im Landeanflug auf den deutschen Lebensmittelmarkt. Die Krabbeltiere punkten mit hohem Proteingehalt und einer nachhaltigeren Produktion als Fleisch. Ekel-Essen oder gesunde Bereicherung? Das sollten Sie über gegrillte Heuschrecken und Co. wissen.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Essbare Insekten sorgen in Deutschland noch für mehr Ekel als Genuss. Dabei punkten sie mit viel Protein und einer umweltfreundlicheren Produktion als Fleisch.
  • Während gegrillte Käfer und schokolierte Heuschrecken in vielen Ländern schon Alltag sind, gibt es auch hierzulande einige wenige Insekten-Produkte in Supermärkten und Restaurants.
  • Bei der Insektenzucht fehlen noch Erkenntnisse und Regelungen – vor allem für die Haltung, Tötung und Zulassung verarbeitender Betriebe.
Insekten zum Essen auf dem Teller
On

Geröstete Wespen statt Chips, Würmer-Burger statt Hackfleisch-Patties. Essbare Insekten werden als vielversprechende Innovation im Lebensmittelsektor gesehen. Kein Wunder, denn auch wenn es für viele zunächst ekelig klingt: Die essbaren Krabbeltiere punkten nicht nur mit viel Protein und einer nachhaltigeren Produktion als Fleisch.

Warum Insekten essen?

In der Tierfütterung werden essbare Insekten schon länger zur Deckung des Proteinbedarfs von Nutztieren eingesetzt. Doch auch für Menschen bieten sie einige Vorteile:

  • Protein-Quelle mit Vitamin B: Darum sind Insekten gesund
    Essbare Insekten sind eine exzellente Quelle von Omega-3-Fettsäuren, B-Vitaminen und wichtigen Mineralstoffen. In allen Insekten kommen einfach und mehrfach ungesättigte Fettsäuren vor und die Krabbeltiere haben ähnlich viel Protein wie das Fleisch von Rind, Schwein oder Pute, gefriergetrocknet aber einen deutlich höheren. Der genaue Proteinanteil variiert je nach Art des Insekts.
    Die Art des Futters kann die Nährstoffzusammensetzung von Insekten jedoch beeinflussen. Verlässliche Daten zu Vitaminen und Mineralstoffen sind noch sehr unvollständig. Bei der Betrachtung der Gehalte an Nährstoffen, Vitaminen und Mineralstoffen muss die verzehrte Menge berücksichtigt werden. Aktuell sind auf dem deutschen Markt vorwiegend Produkte erhältlich, bei denen nur geringe Mengen Insekt enthalten sind.
     
  • Insekten sind klimafreundlicher
    Studien zeigen, dass Insekten im Vergleich zu Fleisch klimafreundlicher sind: Sie brauchen weniger Platz und Wasser als Rinder, Schweine oder Hühner und verursachen weniger Treibhausgas-Emissionen. Kritiker sehen die benötigte Betriebstemperatur für die Zucht von Insekten problematisch. In Deutschland müssten die Anlagen mehrere Monate beheizt werden.
     
  • Nachhaltige Alternative zu Fleisch aus Nutztieren
    Auch in Sachen Nachhaltigkeit gewinnen Insekten: Ihr essbarer Anteil ist mit 80 Prozent deutlich höher als zum Beispiel beim Rind (40 Prozent).

Enorme Vielfalt: Welche Insekten kann ich essen?

In Deutschland sind essbare Insekten noch unüblich und häufig mit Ekel verbunden. Weltweit dienen die Krabbeltiere laut Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) aber bereits zwei Milliarden Menschen als Nahrungsquelle. In einem Marktcheck der Verbraucherzentralen, der im Oktober 2020 veröffentlicht wurde, zeigte sich, dass im stationären Handel kaum Insekten-Produkte zu finden sind. Nur 32 Produkte haben die Verbraucherschützer ausfindig machen können, obwohl die Regale der wichtigsten Einzelhändler in Deutschland systematisch "durchforstet" wurden.

Zu den rund 2000 essbaren Insektenarten gehören vor allem Käfer, Raupen, Bienen, Wespen, Ameisen, Heuschrecken, Grillen und Mehlwürmer.

Mehlwürmer: besondere Proteinquelle für Sportler
Foto: HOerwin56 /Pixabay

Mehlwürmer: besondere Proteinquelle für Sportler

Der häufig verwendete Mehlwurm hat vor allem für Sportler einen besonderen Mehrwert. Denn werden Mehlwürmer gefriergetrocknet, erhöht sich der Proteinanteil von 18,7 Prozent auf 50,9 Prozent. Zum Vergleich: Rindfleisch hat 22,3 Prozent, Schweine- und Hühnerfleisch 22,8 Prozent. Aus diesem Grund gibt es bereits einige Proteinriegel und -pulver auf Mehlwurm-Basis für Sportler. 

Trotzdem: Die wenigsten Sportler brauchen diese Extraportion Eiweiß in Form von Riegeln und Co.

Wo kann ich essbare Insekten probieren?

Auch auf dem deutschen (Internet-)Markt erhalten essbare Insekten inzwischen Einzug und werden in den verschiedensten Formen angeboten: Es gibt sie ganz als Snack (z. B. frittierte gewürzte Heuschrecken), in Schokolade oder Honig, gemahlen als Insektenmehl (z. B. als Zutat für Insektennudeln) sowie als Proteinriegel und -pulver für Sportler.

In vielen Teilen Deutschlands werden zudem Insektenburger mit Buffalo-Würmern über eine Supermarktkette vertrieben. Und es gibt auch bereits erste Restaurants, in denen Gäste Buffalo-Würmer oder Heuschrecken probieren können.

Wie sicher ist der Verzehr von Insekten?

Insekten als Lebensmittel sind bei uns noch relativ neu. Aus diesem Grund fehlt es hierzu noch an konkreten Regelungen in der verantwortlichen Lebensmittel-Hygiene-Verordnung. Es gibt zum Beispiel keine klaren Vorgaben zur Zulassung und Identitätskennzeichnung für insektenproduzierende und -verarbeitende Betriebe.

Österreich ist bereits einen Schritt weiter. Hier gibt es eine Leitlinie für gezüchtete Insekten als Lebensmittel. Diese legt zum Beispiel fest, dass gezüchtete Insekten nur dann in den Verkehr gebracht werden dürfen, wenn sie nach der Tötung einer Hitzebehandlung oder Behandlung mit anderen Methoden wie Hochdruckbehandlung unterzogen werden. Das soll gewährleisten, dass alle Keime abgetötet werden. Im Marktcheck der Verbraucherzentralen hat sich gezeigt, dass Hinweise fehlen, ob die Produkte bei der Herstellung erhitzt oder einem anderen Verfahren zur Keimabtötung unterzogen wurden.

In der EU brauchen Insekten (und Insektenteile), die als Lebensmittel verkauft werden, eine Zulassung nach der Novel-Food-Verordnung. Entsprechende Anträge laufen.

Bisher wurden Zulassungsanträge gestellt für:

  • Heimchen, Hausgrille (House cricket)
  • Bufallowurm (Larve des Glänzendschwarzen Getreideschimmelkäfers), ganz oder gemahlen
  • Tropische Hausgrille, getrocknet
  • Europäische Wanderheuschrecke
  • Mehlwürmer (Larven des Mehlkäfers)
  • Honigbienendrohnenbrut (männliche Larve der Honigbiene)
  • Larve der schwarzen Soldatenfliege Hermetia illucens

Alles, was jetzt angeboten wird, darf aufgrund einer Übergangsregelung (DVO (EU) 2017/2469, Art. 8 Abs. 5) bis zu einer endgültigen Entscheidung vermarktet werden.

Problematisch bei dieser Übergangsregelung ist, dass momentan Insektenprodukte auf den Markt gelangen, die von der EFSA noch nicht bewertet wurden. Gesundheitliche Risiken sind also möglich.

Weitere denkbare Risiken:

  • Übertragung von Zoonosen (Infektionskrankheiten, die von Tieren auf Menschen übertragen werden können und umgekehrt): Die Wahrscheinlichkeit für Zoonosen ist relativ gering, aber nicht auszuschließen. Man weiß noch wenig über die Krankheiten, die Insekten befallen können.
  • Einsatz von Arzneimitteln wie Antibiotika, Hormone oder andere Chemikalien: Die Züchter in Europa weisen darauf hin, dass die Insekten bisher ohne den Einsatz von Antibiotika, Hormonen oder anderen Chemikalien gezüchtet werden, doch neutrale Kontrollergebnisse gibt es bislang nicht.
  • Bisher gibt es noch keine speziellen Hygienevorgaben für Speiseinsekten. Es fehlen zum Beispiel klare Vorgaben zur Zulassung und Identitätskennzeichnung für insektenproduzierende und -verarbeitende Betriebe.

Essen Sie nur Insekten, die extra für den menschlichen Verzehr gezüchtet wurden. Da sich viele Krabbeltiere auch von Abfällen ernähren, sind nur die Speiseinsekten empfehlenswert. Vom Essen selbst gesammelter Insekten oder solcher aus dem Zoo-Fachhandel bzw. Angelgeschäften raten wir aufgrund der fehlenden hygienischen Sicherheit ab.

Insekten sollten immer vor dem Verzehr durcherhitzt werden.

Gut zu wissen: Sind Insekten vegetarisch?

Lebensmittel mit verarbeiteten Insekten dürfen nicht als "vegetarisch" gekennzeichnet werden.

Podcast: Schon mal Mehlwürmer mit Knoblauch probiert?

Niklaas Haskamp und Lebensmittelexpertin Sabine Holzäpfel von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg haben sich mit Insekten-Lebensmitteln aus deutschen Geschäften beschäftigt und sie auch probiert. Warum Insekten sich als Lebensmittel eignen könnten und wo die Risiken liegen, hören Sie im Podcast:

Insekten essen – Vorsicht bei Allergien!

Allergiker sollten beim Verzehr von Insekten vorsichtig sein. Denn wer allergisch auf Krebstiere oder Hausstaubmilben reagiert, kann eine solche Reaktion auch bei Insekten zeigen. Nicht nur zum Schutz von Allergikern müssen Lebensmittel mit Insektenanteil deswegen klar als solche erkennbar und gekennzeichnet sein. Phantasiebezeichnungen in der Zutatenliste reichen nicht. In unserem Marktcheck hat sich gezeigt, dass die Kennzeichnung möglicher Allergene auf Produkten mit Insekten lückenhaft ist.

Diese Allergien können durch Chitin oder das Muskelprotein Tropomyosin hervorgerufen werden. Problematisch können auch allergische Reaktionen auf die Futtermitteln der Insekten sein, z.B. auf Soja oder Weizen. Laut FAO (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen) ist das Risiko, allergisch auf Insekten zu reagieren, allerdings eher gering.

Welcher Tierschutz gilt bei der Insektenzucht?

Insekten sind Lebewesen und daher stellen sich Fragen zur artgerechten Haltung, zu geeignetem Futter und zur Tötung. Generell besteht hier jedoch noch hoher Forschungsbedarf. Es existieren bisher keine Haltungsvorschriften für Insekten in Deutschland – zum Beispiel dazu, wie viel Platz welche Insektenart benötigt. Klärungsbedarf gibt es auch zum Einsatz von Arzneimitteln wie Antibiotika oder Fungiziden und einer möglichst schonenden Tötung. In Nachbarland Österreich sind hierfür zwei Verfahren möglich:

  • Tieffrieren bei mindestens -18 Grad Celsius
  • Kochendes Wasser oder Dampf bei mehr als 100 Grad Celsius (nur bei nicht flugfähigen Entwicklungsstadien wie Larven oder Mehlwürmern)

Laut jetzigem Forschungsstand haben Insekten übrigens kein Schmerz- oder Leidempfinden wie Säugetiere. Ob das, was im Nervensystem von Insekten passiert, mit dem menschlichen Verständnis von Schmerz vergleichbar ist, lässt sich derzeit aber noch nicht beantworten.

Unsere Forderungen:

  • Insekten oder Bestandteile von Insekten müssen in jeder Zutatenliste aufgeführt und als Allergiehinweis deutlich hervorgehoben werden. Die vorgeschriebene Allergenkennzeichnung sollte schnellstmöglich erweitert werden.
  • Ausführliche, unabhängige Studien zu gesundheitlichen Aspekten, Hygiene und Krankheiten, Umweltfaktoren und Tierschutz sind erforderlich.
  • Die Hygienevorschriften für die Produktion und die Fütterung sollten für Insekten verbindlich gemacht werden. Insbesondere hinsichtlich möglicher Rückstände wie Antibiotika oder Hormonen sollten die Tiere genau untersucht und die Ergebnisse transparent gemacht werden.
  • Die Verbraucherzentralen fordern Hersteller auf, das Keimabtötungsverfahren zu kennzeichnen und gegebenenfalls auf ein notwendiges Erhitzen vor dem Verzehr hinzuweisen.

 

Andere Länder, andere Ess-Sitten 

Während der Gedanke an Ameiseneiersuppe, Skorpione am Stiel, gebratene Seidenwürmer oder frittierte Wespen hierzulande noch befremdlich ist, gehören essbare Insekten in anderen Ländern längst zum Alltag. Oder sind sogar wahre Delikatessen. 

Klicken Sie weiter für eine kulinarische Insekten-Weltreise.

Thailänder essen gerne Schaben und vielerlei Larven.
Thailand
Eine sehr teure Vorspeise, die auch als "Mexikanischer Kaviar" bezeichnet wird, ist Escamoles – das sind gekochte Ameisenlarven mit Öl und Knoblauch auf Tortillas.
Mexiko
Eine von Kindern sehr geschätzte Süßigkeit sind mit Schokolade überzogene Heuschrecken.
Süd-Mexiko und Guatemala
Gebratene Hormigas Culonas (übersetzt "dickarschige Ameisen") gelten in Kolumbien als Aphrodisiakum.
Kolumbien
Nigerianer erfreuen sich an gerösteten Heuschrecken und an gekochten oder rohen Termiten.
Nigeria
Honigtopfameisen, die mit prallgefüllten honigähnlichen Hinterteilen aus ihren Nestern gesammelt werden, gelten bei Aborigines als Delikatesse.
Australien
Auch in verschiedenen industrialisierten Ländern werden Insekten verspeist. Japaner bereiten zum Beispiel gekochte Wespenlarven oder frittierte Zikaden zu.
Japan
1
2
3
4
5
6
7